Sektion BIS – Beratung, Information, Schulung
Beratung des Quartals
Diese „Beratung des Monats“ richtet sich an Pflegefachpersonen mit beratender, schulender oder konzeptioneller Verantwortung. Sie versteht Sturzprävention nicht als Checkliste, sondern als fachlich fundierte, differenzierte Beratungsaufgabe im pflegerischen Kontext.
1. Beratung des Quartals: Sturzprävention bei Sehbeeinträchtigungen (04/2026)
Sturzprävention bei sehbeeinträchtigten Menschen – sehen ist nicht alles
von Ingrida Bradtke
Stürze zählen zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen im Versorgungsalltag.
Gerade bei Menschen mit Sehbeeinträchtigung ist das Risiko erhöht und gleichzeitig oft nicht eindeutig zuzuordnen.
Denn Stürze entstehen hier nur selten aus mangelnder Kraft oder fehlender Kooperationsbereitschaft. Häufiger sind es Veränderungen der Wahrnehmung, die das Zusammenspiel von Sehen, Orientierung und Bewegung grundlegend verschieben. Was zuvor selbstverständlich war, muss plötzlich aktiv ausgehandelt werden.
Eine Patientin brachte es einmal auf den Punkt:
„Ich bin nicht unsicher. Ich sehe nur anders.“
Dieser Satz beschreibt sehr präzise, worum es in der Sturzprävention bei Sehbeeinträchtigung eigentlich geht.
Wenn Sehen sich verändert, verändert sich Bewegung
Menschen mit Sehbeeinträchtigung bewegen sich in der Regel nicht unaufmerksam, sondern mit erhöhter kognitiver Beteiligung. Jeder Schritt erfordert bewusste Orientierung, jede Umgebung muss aktiv interpretiert werden. Übergänge, Kontraste und Lichtverhältnisse werden nicht beiläufig wahrgenommen, sondern kontinuierlich geprüft.
Ein dunkler Boden kann als Stufe interpretiert werden.
Ein glänzender Flur wirkt wie eine rutschige Fläche.
Ein Schatten wird zum potenziellen Hindernis.
Diese fortlaufende Interpretationsleistung erhöht die kognitive Belastung und führt im Verlauf zu Ermüdung, nachlassender Konzentration und damit zu einem steigenden Sturzrisiko, insbesondere in ungewohnten Umgebungen.
Sehbeeinträchtigung ist nicht gleich Sehbeeinträchtigung
Für Beratung und pflegerische Prävention ist entscheidend, wie eine Person sieht, nicht ausschließlich, wie stark die Sehfähigkeit eingeschränkt ist.
Bei zentralen Sehbeeinträchtigungen, etwa im Rahmen einer Makuladegeneration, werden Details, Kanten oder Stufenanfänge häufig verspätet oder unzuverlässig erkannt. Kleine Hindernisse können aus dem Wahrnehmungsfeld verschwinden, obwohl Aufmerksamkeit und Motivation vorhanden sind.
Bei peripheren Gesichtsfeldausfällen, wie sie beispielsweise bei einem Glaukom auftreten, ist die räumliche Orientierung eingeschränkt. Personen oder Gegenstände von der Seite werden nicht wahrgenommen, Anstoßen an Möbel oder Geräte tritt häufiger auf, insbesondere in fremden oder dynamischen Umgebungen.
Bei eingeschränktem Kontrast- und Dämmerungssehen, etwa bei Katarakt oder diabetischer Retinopathie, führen Spiegelungen, dunkle Flächen oder wechselnde Lichtverhältnisse zu Fehlinterpretationen der Umgebung. Übergänge werden schlechter erkannt, Orientierung geht vor allem bei ungünstigen Lichtverhältnissen verloren.
Diese Unterschiede sind für das pflegerische Handeln zentral, werden jedoch in standardisierten Sturzrisikoeinschätzungen nur begrenzt berücksichtigt und erfordern daher eine ergänzende pflegerische Einschätzung im Beratungsprozess.
Sehen heißt nicht automatisch erkennen
Ein wichtiger Beratungsaspekt ist das Verständnis, dass Wahrnehmung nicht zwangsläufig zu sicherem Handeln führt. Viele Patient:innen nehmen ihre Umgebung grundsätzlich wahr, müssen die Informationen jedoch aktiv ordnen und bewerten. Dieser erhöhte kognitive Aufwand führt zu schnellerer Ermüdung und reduziert die Handlungssicherheit.
Unsicherheit ist in diesem Zusammenhang nicht als mangelnde Mitarbeit zu deuten, sondern als Ausdruck einer erhöhten Wahrnehmungs- und Verarbeitungsanforderung.
Beratung beginnt mit Wahrnehmung, nicht mit Maßnahmen
Wirksame Sturzprävention beginnt daher selten mit einer Intervention, sondern mit einer differenzierten Beratung.
Eine einfache, in der Praxis sehr aufschlussreiche Frage lautet:
„Was sehen Sie gerade und was nicht?“
Die Antworten sind häufig konkret:
Bodenwechsel werden nicht erkannt, Raumgrenzen bleiben unklar, Orientierung geht bei ungünstigen Lichtverhältnissen verloren. Genau hier liegen die Ansatzpunkte für präventives Handeln.
Pflegeberatung als verbindende Instanz
Pflegefachpersonen in beratenden, schulenden oder konzeptionellen Rollen übernehmen in diesem Kontext eine zentrale Funktion. Sie übersetzen medizinisch-diagnostische Veränderungen in alltagsrelevante Sicherheit und unterstützen Betroffene dabei, ihre Wahrnehmung in Handlungssicherheit zu überführen.
Beratung bedeutet hier, Risiken benennbar zu machen, ohne zu verunsichern, Wahrnehmungsbesonderheiten ernst zu nehmen, ohne sie zu pathologisieren, und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die zur individuellen Sehfähigkeit und zum jeweiligen Setting passen.
Sturzprävention wird damit zu einer kontextsensiblen, personenorientierten pflegerischen Beratungsleistung.
Zum Schluss
Sicherheit entsteht in diesem Zusammenhang selten durch einzelne Maßnahmen.
Häufig beginnt sie mit einer Haltung.
Mit dem Satz: „Sie dürfen sich Zeit nehmen. Wir passen die Umgebung an Sie an.“
Denn Menschen stolpern nicht nur über physische Kanten, sondern auch darüber, sich in ihrer Wahrnehmung nicht ernst genommen zu fühlen.
Zum Format
Diese „Beratung des Monats“ richtet sich an Pflegefachpersonen mit beratender, schulender oder konzeptioneller Verantwortung. Sie versteht Sturzprävention nicht als Checkliste, sondern als fachlich fundierte, differenzierte Beratungsaufgabe im pflegerischen Kontext.
Weiterführende Fachquellen
Die aufgeführten Quellen dienen der fachlichen Vertiefung und Einordnung.
Der vorliegende Beitrag versteht sich ausdrücklich als pflegerische Übersetzungs- und Beratungsperspektive für unterschiedliche Versorgungssettings.
DNQP: Expertenstandard „Sturzprophylaxe in der Pflege“ (2. Aktualisierung)
Diese deutschlandweit gültige Pflege-Leitlinie beschreibt zentrale Elemente der Sturzprophylaxe (Screening, Assessment, Maßnahmen) und ist fachlich richtungsweisend für Pflegefachpersonen.
https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/
NICE Guideline NG249: Falls: assessment and prevention in older people and in people 50 and over at higher risk (2025)
Aktuelle internationale Leitlinie mit evidenzbasierten Empfehlungen zur Sturzrisikoeinschätzung und Prävention bei älteren Menschen; dient als wichtige systematische Referenz auch im klinischen Kontext.
https://www.nice.org.uk/guidance/ng249/
Montero-Odasso M. et al. (2022): World guidelines for falls prevention and management for older adults: a global initiative
Internationale evidenzbasierte Leitlinie zur systematischen Sturzprävention und Intervention über Altersgruppen und Settings hinweg, inklusive Wahrnehmungs- und Umweltfaktoren, ein wichtiger Überblick über multifaktorielle Ansätze zur Risikoreduktion.
https://academic.oup.com/ageing/article/51/9/afac205/
Baig M. M. et al. (2025): Vision screening in older adults who attend hospital following a fall: a scoping review
Scoping-Review zur Rolle der visuellen Beurteilung nach Stürzen im Akutkrankenhaus: Sehassessment wird zwar empfohlen, aber in der Praxis sehr unterschiedlich umgesetzt. Wichtig für klinische Pflegeprozesse.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12648902/
Australian Commission on Safety and Quality in Health Care: Falls Prevention
Aktualisierte australische Richtlinie zur Sturzprävention in Krankenhaus- und Versorgungssettings, inklusive Faktoren wie Seh- und Wahrnehmungsprobleme als Risikofaktoren.
https://www.safetyandquality.gov.au/our-work/falls-prevention
Advance Care Planning
Im Rahmen des DPG-Sektionstages am 06. März 2020 in Bielefeld bot die Sektion BIS einen Workshop „Advanced Care Planning“ an. Für diesen Workshop wurden ein Handout sowie eine Literaturliste angefertigt. Wir stellen diese hier zum Download zur Verfügung, um einen weiteren wissenschaftlichen Diskurs zu ACP zu fördern.
Pflege im rechtsfreien Raum
Die Sektion BIS bezieht Stellung zum Patientenrechtegesetz aus pflegerischer Perspektive. Sprecherin Prof. Dr. Tanja Segmüller hat dazu auch einen Beitrag „Pflege im rechtsfreien Raum“ im Magazin der Hochschule für Gesundheit veröffentlicht.
Link: https://magazin.hs-gesundheit.de/wissen-austauschen/pflege-im-rechtsfreien-raum/
Die Stellungnahme der Sektion BIS sowie ein Eckpunktepapier finden Sie hier:

Die Sektion BIS unterstützt den
Nationalen Aktionsplan
Gesundheitskompetenz.
Die Sektion BIS – Beratung, Information, Schulung wurde 2007 gegründet.
Rahmendaten der Sektion
- mehrere Treffen pro Jahr (online und in Präsenz)
- die Sektion hat derzeit 12 Mitglieder (Stand Mai 2025)
Hintergrund der Sektionsbildung
- Wachsende Bedeutung pflegebezogener Information, Schulung und Beratung vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und Veränderungen im Krankheitsspektrum
- Bisheriges „Schattendasein“ edukativer Aktivitäten in Deutschland
Ziele der Sektionsarbeit
- Förderung und Entwicklung edukativer Aktivitäten in der Pflege
- Förderung des wissenschaftlichen Diskurses und der wissenschaftlichen Bearbeitung von edukativen Anteilen in der Pflege
(Bisherige) Arbeitsschwerpunkte
- Analyse der Begrifflichkeiten Information, Schulung und Beratung
- Handlungsfelder der klienten- und familienbezogenen Information, Schulung, Beratung
- Neue Beratungsfelder im SGB XI (Pflegeberatung und Pflegestützpunkte nach § 7a und § 92c)
- Analyse der Verankerung edukativer Aktivitäten in der Pflegeausbildung und Analyse der Darstellung edukativer Aktivitäten in Lehrbüchern (Ziel: gemeinsamer Artikel dazu)
- Konzepterarbeitung zur „Kollegialen Beratung in der Pflege“
- Beschäftigung mit dem Beratungskonzept Lösungsorientierte Beratung (G. G. Bamberger)
- Analyse von geeignetem Bildmaterial auf Postern, in Handzetteln und Broschüren
- Analyse von Patientenedukationsfilmen
- Sichtung von Onlineberatung im Pflegekontext
- Führen von Kurzgesprächen in der Pflege
- Stellungnahme und Eckpunktepapier zum Patientenrechtegesetz
Arbeitsergebnisse / Publikationen
Update zur Patientenedukation- Wie informieren, schulen und beraten Pflegende 2017 in Deutschland?
Die Publikation „Beraten, Informieren und Schulen- Ausgewählte Beiträge der Sektionsarbeit“ zeigt einige Schwerpunkte der Sektionsarbeit BIS innerhalb der DGP auf. Die Sektion trifft sich seit 2007 dreimal jährlich und besteht aus 15 Mitgliedern. In der fast 10jährigen Zusammenarbeit wurden verschiedene Themen bearbeitet; vier ausgewählte Schwerpunkte werden nun in der vorliegenden Publikation vertieft: Nadine Sunder und Tanja Segmüller stellen in ihrem Beitrag „Pflegebezogene Patientenedukation in Deutschland“ die wichtigsten Entwicklungen des Feldes aus den vergangenen 25 Jahren vor. Kerstin Dengler beschreibt die Entwicklung einer Angehörigenschulung in der neurologischen Frührehabilitation. Der Beitrag zeigt, welche Entwicklungen sich vollziehen können, wenn eine „Advanced Practice Nurse“ vor Ort arbeitet und welche besondere Qualität die Pflege dort auszeichnen kann. Beurteilungskriterien für den Einsatz von Informationsfilmen in der pflegebezogenen Patientenedukation – diesem Thema widmet sich der Text von Martin Schieron. Filme im Gesundheitsbereich gibt es vieltausendfach und das Medium nimmt an Bedeutung zu. Filme bieten Vorteile gegenüber anderen Formen, sie können Gespräche ergänzen oder vorbereiten. Christa Büker und Nadine Sunder widmen sich in ihrem Beitrag der „Patientenedukation per Mouseclick“. Online-Beratungen nehmen zu, auch im Pflegefeld in Deutschland – dies sollte in der Patientenedukation berücksichtigt und möglichst auch gestaltet werden.
Die Publikation kann über die Geschäftsstelle der DGP zu einem Kostenbeitrag von 7,50€ (incl. MWSt + Porto) bezogen werden.
Beraten, Informieren und Schulen in der Pflege - Rückblick auf 20 Jahre Entwicklung
Buchbesprechung
Segmüller, T. (Hrsg): Beraten, Informieren und Schulen in der Pflege- Rückblick auf 20 Jahre Entwicklung. Mabuse. Frankfurt. 2015. ISBN: 978-3-86321-291-9
Auf 250 Seiten versammelt dieses Buch wesentliche Elemente der „sprechenden Pflege“, beigetragen haben zahlreiche AutorInnen. Es geht um vielerlei Gesprächsansätze und Beispiele, um den Aufbau einer pflegebezogenen Patienten-und Familienedukation im deutschsprachigen Raum. Thematisiert wird ein weites Spektrum der Interaktionsarbeit, einschließlich geeigneter theoretischer Grundlagen. Im Mittelpunkt stehen Fallbeispiele von Ratsuchenden, diese Beispiele können sehr gut von Lehrenden in Unterrichtsveranstaltungen genutzt werden. Daneben beschreiben Pflegende ihren Praxisalltag in Beratungssituationen, z.B. in Patienten-Informationszentren. Das Buch ist eine Fundgrube für alle Professionellen, die an Patienten-Pflege-Kommunikation interessiert sind.
Am Rande findet sich eine Zusammenstellung der Arbeiten von Prof.Dr. Angelika Zegelin, deren zentrales Thema die Verbreitung einer sprechenden Pflege ist.
Leitfaden zur "Kollegialen Beratung"
Als Ergebnis einer Tagung zum Thema – Kollegiale Beratung in der Pflege – wurde von den Organisatorinnen ein Leitfaden zur Kollegialen Beratung verfasst.
Zu der Veranstaltung wurde auch ein Tagungsbericht veröffentlicht.
Mitglieder der Sektion
Prof. Dr. Sandra Bachmann, Ingrida Bradtke, Prof. Dr. Christa Büker, Kerstin Dengler, Dr. Axel Doll, Prof. Dr. Eileen Goller, Prof. Dr. Jörg Hallensleben, Nadine Herbst, Prof. Dr. Dorothee Lebeda, Kathrin Rohde, Martin Schieron, Prof. Dr. Tanja Segmüller
Sprecherin der Sektion ist seit 01.01.2016 Prof. Dr. Tanja Segmüller, Pflegewissenschaftlerin (MScN, BScN), Krankenschwester
Stellvertreter*innen:
Nadine Herbst
Martin Schieron
Kontakt
E-Mail:
Nadine Sunder kontakt@unterstuetzpunkt-gesundheit.de oder Sektion.BIS@dg-pflegewissenschaft.de