Artikel Pflege & Gesellschaft 1/2009

Ethik und Ökonomie. Zur kritisch-normativen Grundlegung des Pflegemanagements und der Qualitätsentwicklung

Heiner Friesacher

14. Jahrgang (1) – Seite 5-23 ISSN 1430-9653

Zusammenfassung:

In diesem Beitrag werden grundlagentheoretische Probleme des Pflegemanagements und der Qualitätsdebatte thematisiert. Dabei wird bewusst der ökonomisch-betriebswirtschaftliche Ausschnitt des Aufgabenspektrums fokussiert, Fragen des arbeits- und organisationspsychologischen Personalmanagements werden nur am Rande angesprochen.
Ausgehend von der These, dass bisherige Konzeptionen des Pflege- und Qualitätsmanagements eher den Status Quo zementieren und die bestehenden Verhältnisse reproduzieren, wird ein kritisch und normativ konzipiertes Programm in seinen Grundzügen dargelegt. Dabei wird an kritische Theorien ebenso angeknüpft wie an bereichsethische Ansätze. Kern der Überlegungen ist die Konzeptualisierung eines auf sozialer Interaktion als normative Basis gegründeten Pflegemanagements.

Abstract:

In this paper theoretical problems of nursing management and the debate on quality are picked out as a central theme. Thereby the focus is intentionally put on the economic part of the range of responsibilities. Issues of industrial and organizational psychology personnel management are only discussed aside.
Based on the assumption that previous conceptions of the nursing and quality management rather cement the status quo and reproduce the existing circumstances a critical and normative designed programme is presented in its main features. At the same time we will link with critical theories as well as ethical approaches in this field. Core of these considerations ist he conceptualization of a nursing management that is founded on social interaction as a normative basis.

 

Privatisierung von Krankenhäusern. Ethische Erwägungen zum moralischen Status eines öffentlichen Gutes

A. Manzeschke

14. Jahrgang (1) – Seite 24-38 ISSN 1430-9653

Zusammenfassung:

Der Krankenhaussektor in Deutschland verzeichnet in den vergangenen Jahren einen signifikanten Privatisierungsschub. Dieser wird begleitet von Prozessen der Liberalisierung und Deregulierung im Gesundheitswesen insgesamt. Es mehren sich die Indizien, dass diese Entwicklung verbunden ist mit der Exklusion einzelner sozialer Gruppen von einer gleichen und gerechten Gesundheitsversorgung. Der Beitrag diskutiert vor diesem Hintergrund politische, ökonomische und moralische Aspekte der Privatisierung im Krankenhaussektor, fragt nach Kriterien ihrer Beurteilung und plädiert für klare staatliche Rahmenbedingungen, die eine gleiche und gerechte öffentliche Gesundheitsversorgung garantieren.

Abstract:

For the last years the sector of public-run-hospitals in Germany is significantly shifting to a private-run. This shift is accompanied by processes of liberalization and deregulation in the realm of health care in general. There are severe indications of social groups being excluded from an health care system which does not meet any longer the criteria of common and just access. The article is discussing this problem in political, economical and moral perspective, asking for ethical criteria and arguing for a common and just access to health-care-delivery.

Neue betriebswirtschaftliche Steuerungsformen im Krankenhaus. Wie durch die Digitalisierung der Medizin ökonomische Sachzwänge in der Pflegepraxis entstehen

A. Manzei

14. Jahrgang (1) – Seite 38-53 ISSN 1430-9653

Zusammenfassung:

Gegenstand des vorliegenden Aufsatzes ist die empirische Analyse des Zusammenwirkens ökonomischer und technischer Innovationen in der stationären Medizin und Pflege. Am Beispiel der Intensivmedizin wird gezeigt, wie das Verhalten und die Entscheidungen des pflegerischen und ärztlichen Personals durch neue betriebswirtschaftliche Steuerungsmechanismen beeinflusst werden und wie der ökonomische Einfluss durch die Digitalisierung der Patientenakte und die betriebswirtschaftliche Nutzung medizinischer Scores verstärkt wird. Ziel der Ausführungen ist es zu zeigen, dass eine elaborierte Analyse dieses Prozesses nicht nur organisationssoziologische und betriebswirtschaftliche, sondern auch wissenschafts- und techniksoziologische Kenntnisse voraussetzt. Der Aufsatz endet deshalb mit dem Plädoyer, den Theorie- und Methodenkanon der (deutschen) Pflegewissenschaft um die Erkenntnisse der Wissenschafts- und Technikforschung zu erweitern.

Abstract:

The article focuses the interaction of information technology and new accounting practices in the everyday clinical practice. Relating to an ethnographical study in intensive care medicine it shows how the use of the electronic patient record allows the clinical management to influence the medical and nursing decision-making process on the ward in an economic way. The article ends with the argument that an elaborated analysis of the interaction between the informatization- and economization process in practice needs special scientific methods: Beside managerial and organizational knowledge, research in nursing needs to open up for theoretical and methodological results of science and technology studies.

“Das sind bloß manchmal die fünf Minuten, die fehlen.” Pflege zwischen Kostendruck, Gewinninteressen und Qualitätsstandards

L. Slotala, U. Bauer

14. Jahrgang (1) – Seite 54-66 ISSN 1430-9653

Zusammenfassung:

Der Beitrag geht der Frage nach, welche Auswirkungen der marktwirtschaftliche Umbau des Gesundheitswesens auf die pflegerische Versorgung hat. Ausgehend von einer einleitenden Beschreibung des ökonomischen Wandels im Gesundheitswesen wird anhand zweier empirischer Studien (Qualitative Untersuchung im Krankenhaus und in der ambulanten Pflege) gezeigt, welche Herausforderungen und Probleme auf Grund des ökonomischen Wandels für die Pflege entstehen. Demzufolge führen die Kosteneinsparungsprogramme zu effizienten Arbeitsabläufen, aber auch zu einer gestiegenen Arbeitsbelastung und Rationierung im psychosozialen Leistungsbereich der Pflege. Insgesamt gelingt den Pflegenden derzeit nur sehr schwer, professionelle Versorgungsstandards trotz restriktiver wirtschaftlicher Bedingungen durchzusetzen. Es wird zu diskutieren sein, inwiefern traditionelle Qualitätsmaßstäbe in der Pflege auch in einem marktorientierten Gesundheitswesen überleben können.

Abstract:

This article examines the effects of the market-oriented reform of the public health sector on the provision of nursing care. After an introductory description of the economic change in the health care system, two empirical studies (qualitative analysis in the hospital and in out-patient care) serve to exemplify which challenges and problems are arising as a result of the current economic change. Accordingly, cost-cutting programs are leading to efficient work processes but also to an increasing work load and rationing in the area of psycho-social services within nursing care. All in all, nurses are having great difficulties in implementing professional standards of nursing care against the odds of restrictive economic conditions. All parties concerned will have to discuss to what extent traditional quality standards of nursing care can still survive in a market-oriented health care system.

 

Burnout im Klinikalltag. Empirische Erkenntnisse zur Emotionsarbeit, Stressbelastung und Klientenaversion in der pflegerischen und ärztlichen Tätigkeit

G. Pracht, U. Bauer

14. Jahrgang (1) – Seite 67-85 ISSN 1430-9653

Zusammenfassung:

Humandienstleistungen im Krankenhaus stellen Krankenpflegekräfte und Ärzteschaft vor enorme interaktionale und emotionale Arbeitsanforderungen im Patientenkontakt. Die vorliegende Untersuchung thematisiert mögliche Folgen dieser Belastung. Im Einzelnen wird der Einfluss der geleisteten Emotionsarbeit auf die Klientenaversion und die emotionale Erschöpfung der Befragten untersucht. Das Sample (n= 237) unterscheidet dabei pflegerisches und ärztliches Personal eines Krankenhauses der Maximalversorgung. Zum Einsatz kommen Standardinstrumente zur Messung der emotionalen Anforderungen und Stressbelastung, die bisher vor allem in der Arbeits- und Organisationspsychologie Verwendung finden. Die Ergebnisse zeigen recht deutlich, dass Pflegekräfte signifikant mehr Emotionsarbeit leisten und dabei mehr emotionale Dissonanz erfahren als die Vergleichsgruppe des ärztlichen Personals. Obwohl die erfahrene emotionale Dissonanz normalerweise mit höherer psychischer Beanspruchung einhergeht, zeigt sich diesbezüglich für beide Gruppen kein signifikanter Unterschied. Ärztinnen und Ärzte sind danach, trotz geringerer emotionaler Dissonanz und signifikant größerer Bewältigungsressourcen, emotional erschöpfter und bilden ein höheres Maß an Klientenaversion aus.

Abstract:

Human servicing in hospitals makes high emotional demands on the medical community in its contact to patients. This study investigates possible consequences of this personal and psychological strain. Specifically the study evaluates the impact of emotion work on emotional exhaustion and depersonalisation of the respondents. The sample (n = 237) distinguishes between nurses and doctors in a hospital of maximum medical care. Adapted standardized tests to measure emotional job demands and stress from industrial and organizational psychology are used for this study. Findings show significant differences between both professions: Nurses perform more emotion work and experience more emotional dissonance than doctors. Although individually experienced emotional dissonance is attended by negative mental strain like emotional exhaustion there are no significant results to distinguish nurses and doctors in this criterion. Doctors experience more emotional exhaustion and depersonalisation even though they perceive less emotional dissonance and are better grounded in resources for coping emotional demands.

Artikel Pflege & Gesellschaft 2/2009

Personalabbau im Pflegedienst der Krankenhäuser: Hintergründe, Ursachen, Perspektiven

Michael Simon

14. Jahrgang (2) – Seite 101-123 ISSN 1430-9653

Downsizing in the nursing service of german hospitals: Background,causes, perspectives

This article deals with the downsizing of nursing staff between 1996 and 2006. Based on data of the hospital statistics, the development is analyzed als well as structural changes which havetaken place within thelast 10-15 years.In thecontext of the analysis three causes
of the downsizing are worked out, thelimitations of hospital budgets, theintroduction of the german DRG-system, and an internal redistribution of resources at expense of the nursing service. It is argued that minimum requirements to the staff occupation in hospitals are necessary to prevent further downsizing and ensure a sufficient staff occupation durably.
Keywords
hospital, nursing staff, downsizing, german DRG-System, budget limitation
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Personalabbau im Pflegedienst der Krankenhäuser im Zeitraum zwischen 1996 und 2006. Auf Grundlage der Daten der Krankenhausstatistik werden Entwicklung und Umfang des Personalabbaus analysiert sowie strukturelle
Veränderungen, die sich in den letzten 10-15 Jahren vollzogen haben. Im Rahmen der Analyse werden drei Ursachen des Stellenabbaus herausgearbeitet, die Verschärfung der Budgetdeckelung ab 1996, die Einführung des DRG-Systems ab 2003 und eine interne Umverteilung von Ressourcen zu Lasten des Pflegedienstes. Es wird abschließend argumentiert, dass die Vorgabe von Mindestanforderungen an die Personalbesetzung der Krankenhäuser notwendig ist, um einen weiteren Personalabbau zu verhindern und eine ausreichende Personalbesetzung dauerhaft sicher zu stellen.
Schlüsselwörter
Krankenhaus, Pflegepersonal, Personalabbau, DRG-System, Budgetdeckelung

Herausforderungen für die Entwicklung evidenzbasierter Pflege-Interventionen am Beispiel der Konzeption eines Hilfsangebots für pflegende Kinder und ihre Familien

Sabine Metzing, Jörg große Schlarmann, Wilfried Schnepp

14. Jahrgang (2) – Seite 124-138 ISSN 1430-9653

Challenges forthe development ofevidence-based nursing interventions in the context of theconception of support for young carers and their families
Young carers and their families need multi-layered support to prevent damaging effects on the children’s overall development. So far, in Germany there is no specific support available foryoungcarers and theirfamilies.The aim of thestudy described hereis to meet the challenge of developing evidence-based interventions, which a) allow for the complex situation, b) consider the real world of families concerned and which c) also allow for scientific evaluation. In this paper, considerations for content and method will be discussed.
Keywords
young carer’s needs, family nursing,evidence based nursing interventions, Utrecht model, management of chronicillness
Pflegende Kinder und ihre Familien bedürfen einer multiprofessionellen Unterstützung, um schädigenden Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung der Kinder vorzubeugen. Da es in Deutschland derzeit keine spezifischen, dem Bedarf und den Bedürfnissen angepassten
Hilfsangebote gibt, ist es Ziel der hier beschriebenen Studie, sich der Herausforderung zu stellen, eine der komplexen Situation angepasste evidenzbasierte Intervention zu entwickeln, die sowohl der Lebenswirklichkeit betroffener Familien Rechnung trägt als auch so gestaltet ist, dass sie wissenschaftlich evaluierbar bleibt. In diesem Beitrag stehen hierzu inhaltliche und methodische Überlegungen zur Diskussion.
Schlüsselwörter
Pflegende Kinder, familienorientierte Pflege,evidenzbasierte Pflegeinterventionen, Utrechter Modell, Bewältigung von chronischer Krankheit

Die Familiengesundheitspflege und ihre Umsetzung in einer städtischen und einer ländlichen Region in Deutschland

Martin Dichter, Pia von Lützau, Christine Dunger, Iris Hochgraeber, Gisela Zebe, Johanna Walla, Andreas Büscher

14. Jahrgang (2) – Seite 138-154 ISSN 1430-9653

Family Health Nursing and its implementation in an urban and a rural area in Germany
The WHO concept of the Family Health Nurse has recently been discussed as a potential means to meet the various challenges within the German health and nursing care system. Chances of its implementation in two regions in Germany have been investigated during a
university seminar. A community assessment with a particular focus on infrastructure and demographywas performed in a rural and urban German region followed by problem-focussed interviews with experts from the local health care system.The findings were used for developing options for the two regions under study.Those options offer potential options for the implementation of family oriented care approaches in the selected areas. The local experts were quite open for the idea of Family Health Nursing and considered it a chance for tackling existing gaps in health care delivery. The results of the study are finally discussed in the light of recent political developments in the German health and long-term care system.
Keywords
Family health nursing, new professional nursing roles, health careservices research,expanded scope of nursing practice
Das WHO Konzept der Familiengesundheitspflege wird derzeit als eine mögliche Antwort auf die vielfältigen Herausforderungen des Gesundheits- und Pflegewesens diskutiert. Im Rahmen einer pflegewissenschaftlichen Lehrveranstaltung fand eine intensive Auseinandersetzung mit dem Konzept der Familiengesundheitspflege statt, und es wurde eine Untersuchung zu den Chancen seiner Umsetzung in zwei Regionen durchgeführt. Zur Bestimmung der Ausgangslage wurden dazu infrastrukturelle und demographische Daten in einer städtischen und einer ländlichen Region erhoben. Daran anschließend wurden insgesamt sieben problemzentrierte Interviews mit Experten der lokalen gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung durchgeführt. Ausgehend von den dabei gewonnenen Erkenntnissen wurden Optionen einer möglichen Umsetzung des Konzeptes der Familiengesundheitspflege entwickelt. Diese bieten konkrete Anhaltspunkte für die Etablierung der Familiengesundheitspflege in den untersuchten Regionen. Die interviewten Gesundheitsexperten stehen dem Konzept der Familiengesundheitspflege offen und interessiert gegenüber und sehen in ihm eine Chance, den bestehenden Versorgungsdefiziten entgegenzuwirken. Abschließend werden die Implikationen dieser Untersuchung vor dem Hintergrund aktueller gesundheitspolitischer Entwicklungen diskutiert.
Schlüsselwörter
Familiengesundheitspflege, neue berufliche Rollen in der Pflege,Versorgungsforschung, neue pflegerische Handlungsfelder

Ethische Dilemmasituationen in der Pflege. Eine Analyse aus Perspektive der Neuen Institutionenökonomik

Andreas Langer, Peter Schröder, Johannes Eurich, Alexander Brink

14. Jahrgang (2) – Seite 155-177 ISSN 1430-9653

Ethical Dilemma Situations in Nursing Care. An Analysis on the Basis of New Institutional Economics
The provision of nursing care for elderly people and/or for those in need of care has not only since the introduction of compulsory long-term care insurance been regarded as the rendering of services to others. The fact that these person-related social services constitute a scarce commodity is becoming more and more of a pressing problem. Due to this increasing economisation and institutionalisation in nursing care, the authors of the following article try to explain thefield of nursingcare by applyingtheconcepts of institutionaleconomics. With the help of principal-agent models and built-up trust, they analyse the institutionalised interactions between employers, receivers of nursingcare and nursingstaff members. Referring to the conflicting interests between ethics and economics, this theory-based approach reveals (institutional) paradoxes in nursing care which may not onlye xacerbate the individual conflicts of nursing staff members. These paradoxes in fact reveal fault potentials, opportunity and shadow costs, contra-productive incentives and unintended consequences of activities aimed at shaping economic behaviour which might lead to severe efficiency losses for nursing care institutions and welfare losses for those receiving nursing care. The dissolution of these paradoxes calls for the consideration and integration of individual and institutional ethicsrelated approaches.
Keywords
nursing care,ethics, incentives, paradoxes,economics
Die Pflege alter bzw. hilfebedürftiger Menschen wird nicht erst seit Einführung der Pflegeversicherung als Dienstleistung verstanden. Dass diese personenbezogene soziale Dienstleistung ein knappes Gut darstellt, wird mehr und mehr zum drängenden Problem. Aufgrund dieser zunehmenden Ökonomisierung und Institutionalisierung in der Pflege wird in dem vorliegenden Artikel ein institutionenökonomischer Erklärungsansatz auf den Bereich der Pflege angewandt. Mit Hilfe von Prinzipal-Agent-Modellen und Vertrauen werden die institutionalisierten Interaktionen zwischen Arbeitgeber, Pflegeempfänger und Pflegekraft analysiert. Durch diese theoretische Herangehensweise werden im Spannungsfeld zwischen Ethik und Ökonomik (institutionelle) Pflegeparadoxien deutlich, die nicht nur die individuellen Konfliktsituationen der Pflegenden verschärfen können. In diesen Paradoxien werden vielmehr Fehlerpotentiale, Opportunitäts- und Schattenkosten, kontraproduktive Anreize und unintendierte Folgen ökonomischer Gestaltungstätigkeit deutlich, woraus massive Effizienzverluste für die Pflegeeinrichtung und Wohlfahrtsverluste für den Gepflegten
resultieren können. Zur Bearbeitung der Paradoxien müssen individualethische und institutionenethische Ansätze integriert werden.
Schlüsselwörter
Pflege, Ethik, Anreize, Paradoxien, Ökonomie

Artikel Pflege & Gesellschaft 3/2009

Zugänglichkeit und Nachhaltigkeit in der Langzeitversorgung – der Aufbau von Pflegestützpunkten vor dem Hintergrund internationaler Erfahrungen

Andreas Büscher, Doris Schaeffer

14. Jahrgang (3) – Seite 197-214 ISSN 1430-9653

Access to and sustainability in long-term care – the establishment of community care access centres in Germany and international experiences

This paper aims at reflecting the ongoing establishment of community care access centres in Germany in the light of international long-term care debates. A brief overview of long-term care discussions of international organisations such as the EU, WHO and OECD will be provided. This perspective will be expanded by two examples from Australia and Canada, where the establishment of community care access points/centres followed similar intentions compared to those on the German agenda. Core aspects of the international discussion are the issues of how accessibility and sustainability of long-term care services can be ensured, promoted and improved. The implications of these discussions for the further establishment and development of community care access centres in Germany will be illustrated in the concluding chapter.
Keywords
Community Care Access Centres, Long-term care, Long-term care insurance, Accessibility, Sustainability, home and community care

In diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, den Aufbau von Pflegestützpunkten in Deutschland vor dem Hintergrund der internationalen Diskussion zur Langzeitversorgung (long-term care) zu reflektieren. Dazu wird ein kurzer Überblick über die Diskussionen internationaler Organisationen wie der EU, WHO und OECD gegeben. Die internationale Perspektive wird anschließend erweitert um zwei Beispiele aus Australien und Kanada, wo durch die Etablierung von Community Care Access Centres ähnliche Anliegen verfolgt wurden, wie sie derzeit in Deutschland auf der Agenda stehen. Im Zentrum der internationalen Diskussion steht die Frage, wie die Zugänglichkeit zu und Nachhaltigkeit von Langzeitversorgungssystemen sichergestellt, gefördert und verbessert werden können. Die Implikationen dieser Diskussion für den weiteren Aufbau und die Evaluation von Pflegestützpunkten in Deutschland rden abschließend reflektiert.

Schlüsselwörter
Pflegestützpunkte, Langzeitversorgung, Pflegeversicherung, Zugänglichkeit, Nachhaltigkeit, ambulante pflegerische Versorgung

Pflegestützpunkte als Brücken im System: Anmerkungen zu Vernetzungschancen

Ulrike Höhmann

14. Jahrgang (3) – Seite 197-235 ISSN 1430-9653

Community Care Access Centers: Can They Bridge The System Gap?

The paper discusses contradictory influences, which „Pflegestützpunkte“ have to face, by realizing their task to build up intersectional ambulant care networks. It concludes with recommendations for bridging interprofessional and interinstitutional gaps to realize a client oriented continuity of care.

Keywords
Community Care Access Centers, home care networks, case management, interorganisational cooperation, fragmented care, long-term care insurance

Der Beitrag thematisiert widersprüchliche Rahmenbedingungen und Voraussetzungen auf Seiten der Klienten und Leistungsanbieter sowie darauf bezogene Empfehlungen für die Realisierung des sektorübergreifenden Vernetzungsauftrages von Pflegestützpunkten.

Schlüsselbegriffe
Pflegestützpunkte, interorganisationale Vernetzung, Pflegeversicherung, Versorgungsbrüche, sektorübergreifende Kooperation, ambulante pflegerische Versorgung,

Der Einfluss von Betreuungsbedarf und psychosozialen Determinanten auf Belastung und Wohlbefinden von pflegenden Angehörigen alter Menschen. Ergebnisse aus der deutschen Teilstichprobe des Projekts EUROFAMCARE

Christopher Kofahl, Daniel Lüdecke, Hanneli Döhner

14. Jahrgang (3) – Seite 236-253 ISSN 1430-9653

The impact of care needs and psychosocial determinants on burden and well-being of family carers of older dependent people. Results from the German sample of the EUROFAMCARE- project

Most of the old depended people with chronic diseases and daily life limitations are cared-for by their family members. The situation of these family carers was the objective of the EU funded project EUROFAMCARE (2003-2005). On the basis of the German sample of 1,003 family carers of dependent persons 65 and older we analysed the influence of different factors and determinants on perceived care-givers’ burden. We found that ADL- and IADL-limitations were only one factor among several others which increase the risk of perceiving burden. Coping and support by others is decreasing the perceived burden significantly. The variables „degree of kinship“, „age“ and „sex“ have a significant impact on the self-assessed burden, quality of life and health. Support measures for family carers are only very rarely used, however, if used, they are valued very high.

Keywords
family care, old people, burden, care-giving

Die meisten älteren Menschen, die aufgrund chronischer Erkrankungen und Alltagseinschränkungen von der Hilfe Dritter abhängig sind, werden von Mitgliedern der eigenen Familie betreut und gepflegt. Die Situation der Angehörigen von über 64-jährigen Hilfs- und Pflegebedürftigen war Gegenstand des EU-Projektes EUROFAMCARE (2003-2005).
Auf der Basis der deutschen Stichprobe von 1.003 Angehörigen wurde untersucht, welche Faktoren in der Betreuung ihrer hilfs- und pflegebedürftigen Familienmitglieder Risikofaktoren für eine überdurchschnittlich erhöhte Belastung darstellen. Dabei stellen Einschränkungen in der Alltagsbewältigungskompetenz nur eine unter mehreren Variablen mit Belastungsrisiko dar. Soziale Unterstützung und eine gute persönliche Bewältigungskompetenz stellen signifikant entlastende Faktoren dar. Darüber hinaus haben auch das Verwandtschaftsverhältnis sowie Alter und Geschlecht einen hohen Anteil an der empfundenen Belastung, Lebensqualität und Gesundheit. Unterstützungsangebote für betreuende Angehörige werden allerdings kaum genutzt, im Falle der Nutzung aber als sinnvoll und hilfreich bewertet.

Schlüsselwörter
pflegende Angehörige, Belastung, Entlastung, Familie, alte Menschen

 

Zur Darstellung von Angehörigenpflege und Ehrenamt in lokalen Printmedien: Inhaltsanalytische Untersuchung am Beispiel eines Modellprojekts

André Fringer, Georg Franken, Wilfried Schnepp

14. Jahrgang (3) – Seite 254-268 ISSN 1430-9653

The image of family care and voluntary activities in local print media: content analysis based on a model project

Voluntary activity to support family care becomes more and more socially relevance. Community orientated programs in this field need continuous advertisement to recruit volunteers and to get service receiver. 55 newspaper articles were examined with a qualitative content analysis to detect the underlying image of such a project. Result of this study is that the image of voluntary activity and family care have a predominantly negative connotation.

Keywords
family care, informal carer, volunteers, local newspaper, community program

Bürgerschaftliches Engagement zur Unterstützung pflegender Angehöriger erfährt eine wachsende gesellschaftliche Bedeutung. Gemeindebezogene Hilfsangebote dieser Art sind auf eine kontinuierliche Werbung um ehrenamtliche Helfer und Leistungsnehmer durch die regionale Presse angewiesen. Anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse wurden 55 Zeitungsartikel bezüglich der inhaltlichen Darstellung eines solchen Projektes untersucht. Ergebnis der Untersuchung ist die Feststellung, dass pflegende Angehörige und das Ehrenamt in diesem Bereich überwiegend negativ dargestellt werden.

Schlüsselwörter
Angehörigenpflege, informelle Pflege, Ehrenamt, lokale Printmedien

 

Die Neustrukturierung der Sozialbetreuungsberufe in Österreich

Peter Luschin

14. Jahrgang (3) – Seite 254-268 ISSN 1430-9653

New Structure of Social Care Professions in Austria
Social care professions in Austria had the problem, that trainings and professions in social care were sometimes different between the provinces; in some provinces these professions were not recognised, difficult working conditions, low income and the division between the sectors of social professions (law in regional competence) and care professions (law in federal competence) made sometimes difficulties in practical work. The work of these professions is done as well in long – term – care as in work with people with disabilities. For this reason the federal government and the provinces concluded an agreement in 2005 with the following important aims:
– Austrian-wide system of trainings and professions in social care is established
– Integration of medical care professions
– recognition by all provinces
– legal transposition until 2007 (province Salzburg until 2008)
– Making the social care professions more attractive and creating more mobility on the labourmarket.

Keywords

Social care, social care professions, health care professions, long term care, people with disabilities

Die Angehörigen der Sozialbetreuungsberufe hatten bisher in Österreich das Problem, dass Ausbildungen und Tätigkeitskataloge in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich waren; in einigen Bundesländern waren diese Berufe gar nicht geregelt, es gab unterschiedliche Arbeitsbedingungen, niedrige Einkommen und die Teilung zwischen den Sektoren der Sozialberufe (Gesetzgebung grundsätzlich in der Kompetenz der Bundesländer) und den Gesundheits-und Krankenpflegeberufen (Gesetzgebung in der Kompetenz des Bundes) bereitete einige Schwierigkeiten in der praktischen Arbeit. Die Arbeit dieser Berufszweige erfolgt sowohl in den Bereichen der Langzeitpflege wie auch im Bereich der behinderten Menschen. Aus diesem Grunde haben der Bund und die Länder im Jahre 2005 eine Vereinbarung über die Sozialbetreuungsberufe mit den folgenden wichtigen Zielsetzungen geschlossen:
– Schaffung eines österreichweit einheitlichen Systems an Ausbildungen und Tätigkeitskatalogen
– Integration von gesundheits- und krankenpflegerischen Tätigkeiten
– Regelung in allen Bundesländern
– gesetzliche Umsetzung bis 2007 (Land Salzburg bis 2008)
– die Sozialbetreuungsberufe sollen attraktiver gestaltet werden und dadurch mehr Mobilität Arbeitsmarkt erhalten.

Schlüsselwörter

Soziale Betreuung, Sozialbetreuungsberufe, Gesundheits- und Krankenpflegeberufe, Pflegevorsorge, Menschen mit Beeinträchtigungen

 

Artikel Pflege & Gesellschaft 4/2009

Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit im Alter – Herausforderungen für die Prävention

Adelheid, Kuhlmey

14. Jahrgang (4) – Seite 293-305 ISSN 1430-9653

Multimorbidity and the Need of Care in old Age – challenges for Prevention

The number of old and very old people with multiple illnesses and in need of nursing care is increasing. Multimorbidity is more than the sum of single illnesses; it is often associated with incontinence, cognitive deficits, immobility, risk of falls, and pain. People in need of nursing care are characterized by a high level of physical, psychological, and social vulnerability, as a result of which they are dependent on the help of others in their everyday lives. Against the background of the challenges facing health care services now and in the future, a first vital step is to prevent or delay multimorbidity and need for care by establishing age-specific prevention and health promotion services. This article summarizes research findings on the prevalence and development of multimorbidity and need for nursing care and discusses aspects of the current body of knowledge on health care in old age. It draws on findings and recommendations set out in the latest report of the Advisory Council on the Assessment of Developments in the Health Care System (www.svr-gesundheit.de).

Keywords
Multimorbidity, Need of Care, Prevention, Old Age

Die Zahl älterer und alter Menschen mit Mehrfacherkrankungen und Pflegebedürftigkeit nimmt zu. Multimorbidität ist mehr als die Summe einzelner Erkrankungen und geht häufig mit Inkontinenz, kognitiven Defiziten, Immobilität, Sturzgefährdung und Schmerzen einher. Den Zustand eines Menschen mit Pflegebedarf kennzeichnet ein Höchstmaß körperlicher, psychischer und sozialer Vulnerabilität, die dazu führt, dass der Lebensalltag nur mit fremder Hilfe aufrecht erhalten werden kann. Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung der Gegenwart und Zukunft kommt zunächst der Vermeidung und Verzögerung von Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit durch den Ausbau einer altersspezifischen Prävention und Gesundheitsförderung hohe Bedeutung zu. Der Beitrag fasst die Befunde zur Prävalenz und Entwicklung von Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit kurz zusammen und diskutiert Facetten des gegenwärtigen Erkenntnisstandes zur Gesundheitsvorsorge im Alter. Er greift dabei Befunde und Empfehlungen aus dem neuesten Sondergutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen auf (vgl. www.svr-gesundheit.de).

Schlüsselwörter
Multimorbidität, Pflegebedürftigkeit, Prävention, Alter